Vom Blut und Schweiß hinter einer Vision

Hinduistische Subkultur in Dubai:

Dubai ist ein sonderbarer Ort. Kaum verlässt man den Flughafen und betritt diese noch so junge Stadt, wird man von Eindrücken überrollt. Entlang der stellenweise achtspurigen Sheikh Zayed Road steuert man an einem Superlativ nach dem anderen vorbei. Alles möchte hier größer, luxuriöser und erhabener sein als der Rest der Welt. Ein mutiger Anspruch. Es fühlt sich seltsam an, aber nicht falsch. Und auch künstlich wäre nicht das richtige Wort. Wenn auch mitunter aus der eigenen Werteempfindung heraus seltsam anmutend, so ist doch ein Plan, ja eine Logik, zu erahnen. Hinter den leuchtenden und glitzernden Fassaden aus Teflon und Glas ist eines zu erkennen: eine Vision, die durch den Schweiß und das Blut von Millionen Gastarbeitern erst zur Wirklichkeit werden konnte. Aber woher kommen diese Menschen und welche Spuren hinterlassen sie in dem Emirat? Wie wird man mit ihnen umgehen, wenn sie bleiben?

In Dubai leben circa 2,6 Millionen Menschen – davon nur knapp 15 Prozent Emiratis

Dubais Emir Sheikh Mohammed bin Rashid Al Maktoum möchte eine nachhaltige Zukunft für sein Emirat. Auf seinem Twitter Account zwitschert er gleich zweisprachig auf Englisch und Arabisch und gibt sich als weltoffener Herrscher, dem neben der Stadtentwicklung, Themen wie Kultur und Bildung am Herzen liegen. Freilich mit einem ökonomischen Interesse: Dubai zählt seit 2013 mit jährlich bis zu 14 Millionen ausländischen Touristen zu den meistbesuchten Städten der Welt. Menschenmaßen, die unterhalten und versorgt werden müssen, vornehmlich durch Gastarbeiter. Gewissermaßen hat dies eine quasi historische Tradition in der Besiedlungsgeschichte der gesamten Golf-Region. Nach Informationen des Zentrums für Statistik in Dubai leben in dem Emirat circa 2,6 Millionen Menschen – davon nur knapp 15 Prozent Einheimische. Innerhalb der restlichen 85 Prozent stellen gemeinsam indische und pakistanische mit knapp 71 Prozent der Gesamtbevölkerung die größte ethnische Gruppierung dar.

Über die Probleme im Umgang mit dieser und anderen Minderheiten ist in der Vergangenheit mehrfach berichtet worden – u.a hier, hier und hier. Selten aber wird über diese Bericht hinaus die Subkultur beleuchtet, die sich in Dubai und in anderen Orten der Golf-Region im Laufe der letzten Jahrzehnte entwickelt hat. Mit Verlaub kann dies sicher nicht durch einen einzelnen Beitrag wie diesen geschehen, sondern bedarf freilich einer sorgfältigen und gründlichen ethnografischen und anthropologischen Untersuchung. Aber auch dafür muss es einen Anfang in Form von Eindrücken und Fragmenten geben.

Gold, Perlen und Piraterie

Wenn man sich diesem Thema durch einen solchen Ansatz annimmt und sich vor Ort mit der Besiedlungsgeschichte Dubais auseinandersetzt, landet man schnell im Stadtteil Deira, der entlang des künstlich angelegten Dubai Creeks verläuft. Vor der Ära des Öls war das Hafenbecken rund um den Port Said (s. a. „Port Said – Hafen der Hoffnung“) Umschlagplatz für allerhand Waren wie Gold und Perlen. Die geografische wertvolle Lage und Nähe zum Iran hat Dubai schon früh zum Drehkreuz und einem der bedeutenden Handelszentren in der Region gemacht. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde von den Briten eine enge Beziehung zu den Scheichtümern an der Golfküste, insbesondere zum Sultan von Oman gepflegt, da dieser den Zugang zur Straße von Hormus kontrolliert, welche eine sehr wichtige Bedeutung für die britischen Handelsrouten nach Indien darstellte. Um den Indienhandel vor arabischer Konkurrenz ebenso wie vor anhaltender Piraterie zu bewahren, zerstörten britische Kriegsschiffe 1819 deren Stützpunkt in Ra’s al Khaymah und anderen Häfen entlang der Südküste. Im folgenden Jahr wurde ein allgemeiner Friedensvertrag geschlossen, dem die an der Küste ansässigen Hauptscheikhs beitraten. Bis 1835 kam es noch periodisch zu Piratenangriffen, dann verpflichteten sich die Scheikhs, sich nicht mehr an Feindseligkeiten auf See zu beteiligen. Nach einem Waffenstillstandsabkommen im Jahre 1835 bzw. 1853 wurde dieses Gebiet entlang des Persischen Golfes in Form von sogenannten Trucial States (von englisch truce ‚Frieden‘, ‚Waffenruhe‘) als Protektorat von Großbritannien geführt.

Sieben dieser ehemaligen Trucial States bilden heute die Teilstaaten der Vereinigten Arabischen Emirate. Im Jahre 1971 schlossen sich zunächst Abu Dhabi, Ajman, Al Fujayrah, Ash Shariqah, Dubai und Umm al Qaywayn zusammen. Im darauf folgenden Jahr schloss sich ebenfalls das Emirat Ra’s al Khaymah dem Verbund an. Bis in die 1930er Jahre war Dubai sehr stark durch den Perlenhandel geprägt, der zum einen durch die große Depression ein jähes Ende fand. Zum anderen gelang es asiatischen Händlern Perlen in nahezu industrieller Art und Weise künstlich zu züchten und zu vertreiben. Dies bedeute den Zusammenbruch des lokalen Marktes. Viele Bewohner verhungerten oder wanderten in andere Teile des Persischen Golfs aus. Es sollte nicht die letzte wirtschaftliche Krise des Emirats bleiben, aber eine aus der zukünftige Generationen lernen sollten.

Unabhängigkeit vom schwarzen Gold

Trotz oder gerade wegen des Mangels an Erdöl, welches vorrangig vom benachbarten Emirat Abu Dhabi gefördert wird, bemüht sich Dubais Gründervater Sheikh Rashid bin Saeed Al Maktoum ab dem Jahre 1948 mit den Einnahmen aus den verbliebenen Handelstätigkeiten eine nachhaltige Infrastruktur aufzubauen. Mit Erfolg: Elektrizität, Telefondienste und ein Flughafen wurden in Dubai in den 1950er Jahren etabliert. 1959 folgt das erste Hotel des Emirates, das Airlines Hotel. Die Entdeckung des Öls ab den 1960er Jahre sorgte für einen Zustrom von Arbeitskräften aus Indien und anderen Regionen des Persischen Golfs. Bereits einigen Jahre später wurden in den Vereinigten Arabischen Emiraten die ersten Hindu-Tempel errichtet und indische Schulen für die Kinder der Gastarbeiter gebaut. Die jährliche Migration aus Indien zog in den nächsten Jahren weiter stark an. So lag diese noch 1975 bei 4.600. Bis 1985 stieg die Zahl auf über 125.000 an und 1999 lag sie bei annähernd 200.000 Neuankömmlingen. Allein aus Indien leben heute 2,2 Millionen Migranten in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Bei einer Einwohnerzahl von über 9,3 Millionen Einwohnern sind die weit über 30 Prozent der Gesamtbevölkerung. Menschen, die hier teilweise ihr ganzes Leben verbracht und eine neue Heimat gefunden haben. Dies hinterlässt selbstredend sichtbare und fühlbare Spuren.

Traditionelle Feste, Bollywood und Gewürze

Spuren, die vor allem zu traditionellen Festen sichtbar werden. Wie zum Beispiel im Monat November zum sogenannten Diwali. Das Lichterfest ist ein bedeutendes mehrtägiges hinduistisches Fest in Indien, Sri Lanka und Nepal und in anderen vom Hinduismus geprägten Ländern. Es kann auf Grund seiner spirituellen sowie sozialen Bedeutung und seines fröhlichen Charakters mit Weihnachten verglichen werden. In Nordindien ist Diwali gleichzeitig der Neujahrstag. Wenn man dieser Tage durch den Stadtteil Deira fährt sieht man bunte Lichterketten von den Balkonen hängen und aus vielen Fenstern schallen Melodien, die man aus Bollywood-Filmen zu kennen meint. Allerorts duftet es nach frisch aufgesetztem Basmatireis und es mischen sich Gerüche von Kardamom, Fenchelsamen, Curry und Amchoor ineinander.

Entlang der Hafenpromenade des Dubai Creek stolpert man schnell in einen versteckten Suk. Zur Zeit des an insgesamt fünf Tagen stattfindenden Diwali sind die engen Gassen mit einer unfassbaren Anzahl von Körpern gefüllt. Teilweise drücken sich die Menschenmassen durch nicht mal halbe Meter breite Passagen. Ordner stehen an den Wänden und Biegungen und weisen den Strom durch ein unbegreifliches Labyrinth von Korridoren. Weiche Leiber drücken und reiben sich aneinander. Es riecht nach Schweiß und Parfüm. In winzigen Geschäften können Milch, Kokosnuss, Früchte, Blumen und Süßigkeiten als Gaben erstanden werden. Überall hängen Blumenketten und Gemälde von Shiva und Sri Krishna und anderen Gottheiten wie Ganesha, Durga, Lakshmi oder Sai Baba. In all dem liegt so etwas wie eine natürliche Ordnung und Gelassenheit. Keine Hektik, keine Panik. Inmitten des dichten Treibens versteckt sich eine 1958 erbaute Shiva und Krishna Tempelanlage, die in der Zeit des Diwali von tausenden Pilgern aufgesucht wird. Neben rituellen Zeremonien werden hier in Zusammenarbeit mit dem indischen Generalkonsulat auch Trauungen durchgeführt, welche allerdings nicht offiziell von den Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate anerkannt werden. Der Hindu-Tempelkomplex am Dubai Creek ist der einzige Tempel in den Emiraten und Pilgerstätte für Tausende von Hindus in Dubai, Abu Dhabi, Sharjah, Ajman, Umm Al Quwain, Fujairah und Ras Al-Khaimah. Interessanterweise liegt der Tempel direkt neben einer Moschee des benachbarten historischen und unter Denkmalschutz stehenden Stadtteils Al-Bastakiyya.

shiva-tempel

Wie geht man mit denen um, die diese Welt mit ihren Händen im Schweiße ihres Angesichts erbaut haben?

Im Juli 2013 spendete ein muslimischer Geschäftsmann fünf Hektar Land in der unmittelbaren Nachbarschaft einer Moschee, um dort einen Swaminarayan-Tempel errichten zu lassen. Anlässlich des Besuches des indischen Premierministers Narendra Modi kündigte die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate im August 2015 weiter an, Land für den Bau eines Hindu-Tempels in Abu Dhabi bereitzustellen.

19Die hohen Öleinnahmen und die gemäßigte außenpolitische Haltung haben den Vereinigten Arabischen Emiraten eine wichtige Rolle in der Region zukommen lassen. Das Pro-Kopf-Einkommen steht auf dem Niveau westlicher Staaten. Seit mehr als drei Jahrzehnten treibt Öl und Investitionen globaler Geldgeber die Wirtschaft an. Im Jahre 2008 wurde dieses scheinbare unendliche Wachstum jäh von der weltweiten Finanzkrise unterbrochen und drohte in sich zusammenzufallen. Sinkende Ölpreise und damit verbundene ausfallende Zahlungsziele führten zu einem Zusammenbruch des Immobilienmarktes. Besonders hart traf es damals erneut das Emirat Dubai, welches nur durch einen Milliardenkredit des Emirats Abu Dhabi vor der totalen Zahlungsunfähigkeit bewahrt wurde. Auch jüngst führen der fallende Ölpreis und anhaltende Konflikte zu einer erneuten Regression. Emir Sheikh Mohammed bin Rashid Al Maktoum wird beweisen müssen, wie nachhaltig die Welt ist, die er erschaffen hat. Vor allem wird er aber auch beweisen müssen, wie er mit den Menschen umgehen wird, die diese Welt mit ihren Händen im Schweiße ihres Angesichts erbaut haben.

3 Gedanken zu “Vom Blut und Schweiß hinter einer Vision

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s