Momente des Schmerzes

Tagebücher aus dem Exil

Portrait eines Flüchtlings: Momente des Schmerzes

 

unnamed (13)
Foto: Sami Joost

Doha – Hauptstadt des Golfstaates Katar. Staubige, vom Wüstensand aufgeraute Straßen führen an anonymen gläsernen Fassaden vorbei. Die heiße Luft drückt auf die Lungen. Nur in klimatisierten Räumen lässt es sich bei Temperaturen um fünfzig Grad und der hohen Luftfeuchtigkeit aushalten. Alle paar hundert Meter passiert man eine Baustelle, auf der neue Wolkenkratzer entstehen. Katar braucht dringend Unterkünfte. Für die Besucher der Fifa Fußball-WM, aber auch für die Zuströme von Gastarbeitern aus aller Herren Länder.

Nach Angaben der Vereinten Nationen hat das Emirat die höchste Quote an Arbeitsmigranten weltweit. Zunehmend sind es auch Migranten arabischer Herkunft, die es in das Golfland treibt. Denn der „Arabische Frühling“ hat seine Spuren hinterlassen. In vielen Ländern des Maghreb und des Maschrek stagniert die Wirtschaft oder liegt vollkommen brach. Reformen werden nur sehr zögerlich angegangen und die Stimmung in der Gesellschaft ist auf das Äußerste gespannt. Viele suchen Halt im politisierten Islam und sind empfänglich für die Hasspredigten so mancher Imame. Östlich und westlich des Sinais hat der sogenannte Frühling ein Trümmerfeld geschaffen. In Syrien und im Irak steht man einer der größten humanitären Katastrophe unsere Zeit gegenüber. Ländergrenzen spielen keine Rolle mehr. Jordanien und der Libanon werden von Flüchtlingen überrannt. Neun Millionen sind es in der Zwischenzeit – allein aus Syrien.

Schwarz gekleidete Männer suchen nach Elias

Foto: Sami Joost
Foto: Sami Joost

Abseits der luxuriösen Hotel-Lobbies und Shopping-Malls lebt Elias (Name von der Redaktion geändert) in einem blassen und vom Sand gezeichneten Glastempel. Seine Einzimmerwohnung ist nur mit dem Nötigsten eingerichtet. Die Wände kahl. Ein Kruzifix hängt einsam an einer Wand. Elias ist Syrer im politischen Exil. Sein Heimatland musste er kurz nach Ausbruch des Krieges vor fast vier Jahren verlassen. Zur Zeit der ersten friedvollen Demonstrationen, hatte er sich an Protesten in Damaskus gegen das Regime beteiligt. Damals arbeitete er als Mitarbeiter einer globalen Hilfsorganisation und betreute mehre Operationen und Hilfsprojekte im Land, sowohl militärischer als auch humanitärer Natur. Ein damaliger Kollege bekam Wind davon und denunzierte ihn beim Mukhabarat – dem gefürchteten syrischem Geheimdienst. Als sich schwarz gekleidete Männer an der Tür seiner Familie nach seinem Verbleib erkundigten, war Elias bereits aus seinem Heimatland geflohen. Über Nacht hatte er schnell das Nötigste zusammengepackt und tauchte zunächst für einige Monate bei einem Verwandten in Dubai unter. Dann ging er nach Doha.

Seinen Glauben hat er vor langer Zeit aufgegeben

unnamed (7)
Foto: Mona Mohrs

Im Unterhemd sitzt er nun im dreizehnten Stock auf einem tristen Schlafsofa. Auf der Innenseite des rechten Unterarmes trägt er ein Tattoo – es zeigt ein brennendes Herz, auf dem ein geschmücktes Kreuz flankiert ist. Auf seinem Oberarm prangt das Portrait einer scheinbar jungen Frau, die einen Säugling in den Armen wiegt. Offenbar soll es ein Abbild der Mutter Jesu darstellen. Es sieht aus, als hätte es ein Grundschüler gezeichnet. „Eine Jugendsünde“, murrt er mit hochgezogenen Mundwinkeln und greift sich dabei an die Stelle. Seinen Glauben habe er schon vor langer Zeit aufgegeben. Oder auch nicht. Er weiß es nicht so recht.

unnamed (9)
Foto: Sami Joost

Das weiße Licht der Halogenleuchte das fahle Gesicht von Elias noch blasser erscheinen. Er ist Anfang dreißig, aber schmerzverzerrte Züge lassen ihn älter wirken. Sein dunkles Haar ist sauber nach hinten gekämmt. Dennoch sieht er müde und erschöpft aus. Nicht die Art von Müdigkeit, die man verspürt, wenn man schlafen möchte. Es ist die, die Menschen haben, wenn sie eins verloren haben: Hoffnung.

Sehnsucht nach dem Duft von Jasmin

Trauer und Verzweiflung verschwimmen in seinen Augen. Er vermisst die Spaziergänge durch die engen verwinkelten Gassen der Damaszener Altstadt Bab Touma. Den Geruch von frisch aufgelegten Fleischspießen, der sich mit dem von Jasmin vermengt. Die Orangenstände und den Basar, der zur Omayaden-Moschee führt. Viel hat er zurücklassen müssen – Familie, Freunde und die Erinnerung an ein Land, das nicht mehr existiert. Glücklich ist er hier in Katar nicht – weder mit der vorherrschenden Moral, noch mit seiner Situation. Aber er hat keine Wahl. In keinem anderem arabischen Land bekommt er als Syrer eine Arbeitserlaubnis, geschweige denn ein Visum. Asyl in einem europäischen Land zu beantragen ist für ihn keine Alternative. Noch nicht. Sein Reisepass ist in einigen Wochen nicht mehr gültig. Von den syrischen Behörden wird er keinen Neuen bekommen. Dann drohen ihm die Abschiebung zurück nach Syrien. Er hat Angst. Angst vor politischer Verfolgung. Angst vor den Islamisten des Da’ash (das arabische Akronym für den Islamischen Staat). Angst vor dem Tod.

„Sie schlachten sie ab, als wären es Schafe“

Söldner des Djesh Al Watan, Quelle: Facebook
Söldner des Djesh Al Watan, Quelle: Facebook

„Die Kämpfer des Da‘ash töten Menschen, als ob sie Wasser trinken würden. Sie schlachten sie ab, als wären es Schafe – als hätten die Getöteten keine Würde. Und zur gleichen Zeit macht das Regime das Gleiche!“, schreit er mit gläsernen Augen. Er berichtet von Milizen in den Stadtteilen von Damaskus, die vom Asad-Regime aufgestellt wurden. Uniformierte mit Kalaschnikow im Anschlag und schusssicheren Westen. Zum „Schutz der Bürger“ hat man sie durch ein zügiges Militär-Training laufen lassen und anschließend bewaffnet. Aber die Realität sieht anders aus. Als die Regierung begann diese Einheiten aufzubauen, haben sie vor allem Häftlinge und Kriminelle verpflichtet. Diebe, Betrüger, Schmuggler und Mörder stehen nun in diesen Reihen.

„Auch Gruppen wie diese sind eine der Gründe, warum die Lage in Syrien derart eskalieren konnte. Sie verhalten sich wie Könige, in den von ihnen kontrollierten Gebieten. Sie töten Menschen aus Spaß – genau wie der Da’ash. Sie missbrauchen ihre Macht und haben dafür einen Blanko-Scheck der Regierung“, sagt er und seine Stimme versagt ihm. Langes Schweigen. Seine verzweifelten Augen füllen sich mit Tränen. Dann kommt er wieder zu sich: „Ich schäme mich, Syrer zu sein. Dort gibt es keine Menschen mehr – es gibt nur noch Tiere“, zischt er und zieht an seiner Zigarette. Er ist am Filter angelangt.

Was ist schief gelaufen in arabischen Gesellschaften?

Der in der arabischen Welt bekannte Autor und Publizist Gamal Khashoggi stellte jüngst zur Debatte, dass man sich fragen müsse, was schief gelaufen sei. Die arabische Gesellschaft müsse aus dem Duktus des stumpfen Gehorsams und der Passivität geführt werden, verlauten andere Stimmen. Doch ist es für derlei Einsicht nicht schon zu spät?

Damaskus, Quelle: Wiki Commons
Damaskus, Quelle: Wiki Commons

Christen, Sunniten und Shiiten – Eine unüberbrückbare Kluft

„Was macht es auch für einen Unterschied? Syrien ist fernab jeglicher Korrektur. Die Kluft zwischen Christen, Sunniten und Shiiten ist unüberbrückbar. Aleppo, Homs zerstört. Damaskus wird es genauso gehen.“, sagt er verbittert, nimmt sich seinen Whiskey und betrachtet das Glas. Die Zigarette im Mundwinkel merkt er nicht, wie die Asche auf den Boden fällt. „Ich schäme mich, ein Syrer zu sein“, murmelt er und nimmt den letzten Schluck, ehe ihm Tränen die Wangen herunter strömen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s