Fenster zur Seele

Gastbeitrag – Kurzgeschichte von Jan Frederik Loh
Der Autor Jan Frederik Loh schreibt seit einigen Jahren leidenschaftlich und produktiv. Auf der Autorenplattform Wortkrieger.de ist er für seine Texte bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Einige seiner Kurzgeschichten sind außerdem im muc-Verlag erschienen. Momentan arbeitet er an seinem ersten Roman.
Für Samoush hat er sich auf eine Reise begeben, fernab von deutschen Vorgärten.  In seiner Geschichte wird er uns von misslungener Integration, Neid und Hoffnung erzählen.

Milchglas – Fenster zur Seele

Kiosk1

Sie haben meinem Vater die Eier abgeschnitten. Nicht im Libanon, nicht im Krieg, sondern hier in Deutschland. Er sitzt am KüchenfensterPfandsucher, raucht Zigaretten und starrt nach unten auf den Marktplatz. Fünfzehn Jahre lang haben sie ihm verboten, zu arbeiten. Und jetzt, wo er endlich die Papiere hat, sagen sie, dass es fast unmöglich sei, Arbeit zu finden, für jemanden in seinem Alter. Also sitzt er am Fenster, raucht und versteht die Welt nicht mehr. Seit fünfzehn Jahren. Ein zerknitterter, dürrer Mann, dem das Grau des Viertels schon so tief in Fleisch und Knochen eingesickert ist, dass es sich an den Schläfen langsam wieder nach außen drückt und seine Gesichtshaut von innen verfärbt.

PuppenStolz sei er gewesen, sagt meine Mutter immer. Als ich ihn jetzt ansehe, muss ich wieder an dieses alte Foto denken, das ich ständig bei mir im Geldbeutel trage, dieses Foto, das aufgenommen wurde, bevor die Granate sein prächtiges Haus in Stücke riss: Mein Vater am Steuer seines Porsches. Der schwarze Schnurrbart wie mit arabischem Öl eingeschmiert, die Zähne funkeln in die Kamera. Man kann sich kaum vorstellen, dass es sich um denselben Mann handelt, der dort am Küchenfenster sitzt.

„Ich bin nochmal draußen“, sage ich.

Leere Strassen

Er saugt an seiner Zigarette, sieht mich an, ohne ein Wort zu sagen. Die Leblosigkeit der deutschen Straßen, die er von hier oben immerzu beobachtet, spiegelt sich in seinem Blick, hat sich mit den Jahren wie eine Schicht auf seine Augen gelegt, dass sie wirken wie die eines toten Fisches. Aber mein Vater ist noch am Leben. Irgendwo ganz tief in seinem Inneren, daran glaube ich fest. Und ich werde seine Augen wieder zum Leuchten bringen.

 

2

Was willst du mit der Kohle machen?“, fragt Nabid. Wir sitzen auf wackligen Plastikstühlen vor Alpays Internetcafé, atmen die Abgase der Autos und rühren in unseren Teegläsern. Internetladen

„Ein Geschenk für meinen Vater kaufen“, sage ich, ziehe das Foto aus der Hosentasche und knalle es auf den Tisch wie das entscheidende Ass in einem Kartenspiel.

„Du spinnst“, sagt Nabid.

„Warum denn?“

„Ein Auto?“

„Ja, genau so eins.“ Ich tippe mit dem Zeigefinger auf das Foto.

„So eins? Das ist doch mindestens fünfzig Jahre alt?“

„Zweiunddreißig. Baujahr 1982“, sage ich.

„Jetzt ehrlich? Fällt dir nichts Besseres ein, du Esel?“

„Nein.“ Nabid sieht mir prüfend in die Augen und grinst, dann verblassen die Lachfalten in seinem Gesicht, ganz langsam, wie Buchstaben, die man mit Tintenkiller bestrichen hat.

„Wallah, du meinst das ernst“, sagt er.Koran
Bevor man die Kohle ausgeben kann, muss man sie haben. Das ist heute Abend dran. Zwei ganz erbärmliche Vorstadtkartoffeln wollen Koks von uns kaufen, ein ganzes Kilo. Aber wir verkaufen kein Koks. Zumindest ich nicht. Ich verabscheue diesen Dreck, der guten Menschen die Seele auf links dreht, bis sie für ein Kilo davon ihre Schwestern zu Huren machen würden. Im Grunde genommen tun wir den beiden also was Gutes, wenn wir ihnen heute Abend die vierzigtausend abziehen und sie mit leeren Taschen stehen lassen. Verhaltenstherapie sozusagen. Nabid verkauft grundsätzlich schon Koks, das ist auch der größte Streitpunkt zwischen uns beiden. Er sagt, dass es sowieso irgendwer verkauft und wenn schon irgendwer damit Geld verdient, warum dann nicht er. Ich hab darauf mal geantwortet, dass sowieso irgendwer mal seine Schwester nehmen wird „und wenn schon irgendjemand seinen Spaß mit ihr hat, weshalb dann nicht ich?“ Danach war zwei Wochen Funkstille. Ich hab mich entschuldigt und ihm etliche Male erklärt, dass ich ihm nur verdeutlichen wollte, wie scheiße ich seine Einstellung zur Dealerei finde und irgendwann hat er kapiert, dass es dabei nicht um seine SBackpfeiffechwester ging. Aber wegen der Vorstadtkartoffeln waren wir uns jedenfalls sofort einig. Und das nicht nur, weil wir das Geld dringend brauchen, sondern ganz besonders, weil die beiden Spasties Koks an die Clique von Nabids Bruder verkauft haben. Und Nabids Bruder ist gerade mal fünfzehn.

 

 

3

Wenn Augen wirklich die Fenster zur Seele sind, hat man die meines Vaters aus Milchglas gemacht. Beim Abendessen sitze ich ihm gegenüber. Er stochert in seinem Salat, kaut mit ausdruckslosem Gesicht darauf herum wie eine Ziege, der man ein Büschel Heu in den Mund gestopft hat. Als das Surren der Klingel die Stille zerschneidet, legt sich ein sorgenvoller Schatten auf das Gesicht meiner Mutter. Zu oft hat sich mVater und Söhneit diesem Ton schon Ärger angekündigt.

„Ist nur Nabid“, sage ich und stehe auf, um die Tür zu öffnen.

Nabids Familie hat es mit Obst und Gemüse zu etwas gebracht. Meine Mutter sieht es gerne, wenn ich mit ihm zusammen bin. Sie ahnt nichts von seinen zweifelhaften Methoden, das Vermögen der Familie zu vermehren. Vater ahnt es bestimmt, wie er alles instinktiv ahnt, was ich und meine Brüder tun, wenn wir draußen sind. Aber er nickt bloß wissend, als wir die Wohnung verlassen und hüllt sein gefrorenes Gesicht in Zigarettenqualm.

4

Leerer SchattenWährend wir auf die S-Bahn warten, besprenkeln einige Regentropfen die Straßen des Viertels und verdunsten augenblicklich auf dem warmen Asphalt. Der Wasserdampf, der sofort in den Häuserschluchten nach oben steigt, riecht niemal nach feuchtem Gras oder neuem Leben. Wenn es in unserem Viertel regnet, riecht es nach Pisse. Besonders im Sommer. Dach zum HorizontWir nehmen die S-Bahn und fahren eine halbe Stunde lang, bis die Gegend grün und sauber ist, bis wir an Häusern vorbeifahren, von denen jedes einzelne aussieht, als hätten ihre Besitzer nichts Anderes zu tun, als sie immer wieder neu anzustreichen. Hier duftet es sicher nach Rosenblüten und warmen Kieselsteinen, wenn ein Sommerregen fällt. Und hier draußen wohnt Robert Edelmeier, in der Villa seiner Eltern. In der Einfahrt steht ein 911er Porsche. Schwarz, Cabrio. Das gleiche Modell, das mein Vater damals hatte, nur eben 30 Jahre jünger. GehryRobert fährt manchmal damit durch unser Viertel und macht den dicken Max. Ich frage mich, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, Koks zu verkaufen, wenn einem der Rachen sowieso bis zum Anschlag mit Scheinen gestopft wird. Wahrscheinlich bekommt Robert den Hals nur dann voll, wenn er schon Gefahr läuft, an seinem Geld zu ersticken. Er hat in dieser Villa ein ganzes Stockwerk für sich alleine. Eine eigene Klingel hat er natürlich auch. Ich drücke den Knopf und kurz darauf öffnet sich die Tür, ohne dass wir unsere Namen nennen müssen. Nabid trägt einen Rucksack. Robert wird sicherlich denken, dass darin sein Brick ist, aber in Wirklichkeit ist der Rucksack leer. Bis auf zwei Flaschen Cola, zwei Gläser und eine Flasche Rum.

„Ist für später, zum Anstoßen“, hat Nabid gesagt.

Mutter, der Mann mit dem Koks ist da, schmettert Robert uns entgegen, als wir die Treppen hochsteigen. Robert ist voll auf Sendung. Nur ein winziger Ring seiner blauen Iris schimmert an den Rändern der Pupillen. Sein Unterkiefer zittert beim Sprechen, die Haut glänzt vom Schweiß. Auf dem Sofa hinter ihm sitzt der andere. Wie er heißt, weiß ich nicht genau. Irgendwas mit Müller, glaube ich.

„Setzt euch“, sagt Robert. Nabid setzt sich neben Müller, ich setze mich neben Nabid. Müller gibt uns die Hand, dann beugt er sich vor, um eine Nase zu ziehen. „Und?“, fragt Robert, „hat alles geklappt?“

„Nee, leider nicht“, sagt Nabid. „Wir brauchen erst die Kohle.“ Robert macht ein Gesicht, als hätte er einen Schluck verfaulte Milch getrunken.

„Willst du mich verarschen? Willst du mir jetzt ne Muschi ins Gesicht malen, oder was? Ist es das, was du denkst? Dass ich mich von dir einfach mal ficken lasse?“Nabid schaltet blitzschnell auf Plan B.

„Ja“, sagt er und zieht sein Messer aus dem Hosenbund. Wenn Robert etwas freundlicher reagiert hätte, wäre Nabids Geduldsfaden vielleicht nicht sofort gerissen. So jedenfalls ging es recht schnell. Das letzte bisschen Blau weicht aus Roberts Augen, als er die blitzende Klinge sieht.

„Mach bitte keine Faxen und gib uns einfach das Geld“, sagt Nabid in einem Tonfall, als hätte er einem schwer erziehbaren Jungen gerade zum fünften Mal gesagt, dass er endlich ins Bett gehen soll. „Und wenn du noch ein einziges Mal irgendwas an Kinder verkaufst … stech ich dich ab. Ich werde es rauskriegen. Versprochen!“

„Okay, okay“, sagt Robert Edelmeier. „Aber … das … Geld ist unten, ich habs unten … im … im Keller.“

„Du sollst keine Faxen machen“, sagt Nabid. „Ist aber eben so“, sagt Robert. Seine Stimme klingt schrill. Wer Nabid nicht kennt, könnte denken, er sei immer noch absolut cool, aber ich kenne ihn und ich kenne dieses Flackern in seinen Augen.

„Dann gehen wir eben zusammen in den Keller“, sagt Nabid, nachdem er kurz nachgedacht hat.

„Dann gehen wir eben alle vier“, sage ich.

5

Während wir die Stufen Richtung Erdgeschoss gehen, sehe ich mir die zahlreichen Fotos an, die an den Wänden hängen. Das einzige, das mir einigermaßen sympathisch ist, zeigt die Familie bei einem Spaziergang. In Bewegung wirkt alles weniger gestellt, klar, aber eigentlich ist es der große, schwarze Rotweiler, der den Unterschied macht. Für Menschen, die einen Hund haben, gibt es meistens noch Hoffnung. Ansonsten: Roberts Vater glotzt mir überall mit dem gleichen arroganten Sieger-Grinsen entgegen wie sein einziger Sohn. Und genau wie Robert sieht Edelmaier Senior auf keinem der Fotos wirklich glücklich aus. Was für ein Gewinner ist man denn schon, wenn der Erfolg nie in Frage stand? Roberts Vater hat die Firma geerbt und Robert wird sie übernehmen, wenn seine Zeit gekommen ist. Ich sehe die Edelmaiers vor den ägyptischen Pyramiden. Roberts Mutter sieht aus, als hätte man sie aus einem Werbeprospekt für Damenmode ausgeschnitten und neben die beiden Männer geklebt. Sie wirkt wie ein Fremdkörper in ihrer eigenen Familie, genauso unpassend wie die beiden rotgesichtigen, blonden Männer im Wüstensand. Es ist aber egal, ob die Edelmaiers vor den schneebedeckten Gipfeln irgendwelcher Berge oder vor türkisblauem Ozean posieren, man hat das Gefühl, dass die Bilder nur gemacht wurden, um die kahlen Wände neben dem Treppengeländer etwas wärmer zu gestalten. Herzen können sie jedenfalls nicht erwärmen, dazu fehlt diesen Fotos die Seele. Da fragt man sich, ob man in seinem Leben den richtigen Zielen nachjagt. Ob man da wirklich hin will. Soll ich mir mein Leben lang den Arsch aufreißen, oder, wie heute, sogar meinen Arsch riskieren, nur um irgendwann auch blöde grinsend vor den Pyramiden zu stehen?

„Was ist mit deinen Eltern?“, flüstert Nabid.

„Sind in Sizilien“, sagt Robert.

„Gut.“

6

Wir sind im Keller, stehen vor einer grauen Feuerschutztür. Robert zückt seinen Schlüsselbund, fingert mit zittriger Hand einen schmalen Schlüssel heraus und steckt ihn ins Schloss. Während Robert den Schlüssel dreht, höre ich ein scharrendes Geräusch, das aus dem Raum zu kommen scheint, in den wir gerade hinein wollen. Dann ein freudiges Jaulen und … noch bevor mein Gehirn die Geräusche hinter der Tür mit dem großen Rotweiler auf dem Familienfoto in Verbindung bringen kann, fliegt die Tür auf und das freudige Jaulen verwandelt sich in bedrohliches Knurren. Der riesige Hund schießt, wie eine Scad-Rakete aus Fell, Muskeln und Zähnen hervor. Nabid ist bereits auf halbem Weg die Treppe hoch, als ich begreife, dass sich das Blatt gewendet hat. Für Menschen, die einen Hund haben, gibt es meistens noch Hoffnung. Eigentlich hatte ich diesen Satz in einem völlig anderen Zusammenhang gedacht. Ich höre das rasselnde Schnauben und Knurren des Hundes, dann das zuschlagen der Haustür. Nabid hat es geschafft. Ich stehe wie gelähmt zwischen Robert Edelmeier und Müller. Der Hund bellt. „Bonze, hier her!“, ruft Edelmaier. Der Hund kommt augenblicklich die Treppe runter. „Ein Wort und er reißt dich in Stücke“, sagt Robert. „Bitte“, sage ich. Bonze steht knurrend vor mir, er bellt mich an. Die gelben, spitzen Zähne sind von durchsichtigem Schleim überzogen, die Äderchen in seinen Augäpfeln scheinen vor Raserei geplatzt zu sein und von den Lefzen tropft der Speichel, als könne er es kaum erwarten, mir ein Stück Fleisch aus dem Bein zu reißen. Robert Edelmeier zückt sein Handy. Durch den infernalischen Lärm, den der Rottweiler mittlerweile macht, verstehe ich zwei Dinge:

„Herrenallee 20. Einbrecher im Haus.“

7

Wir stehen vor der Eingangstür zur JVA. Heute ist Tag X. Mein Vater, meine Mutter und meine jüngeren Brüder sind bei mir. Ein Jahr und sechs Monate muss ich rein. Durch die Traurigkeit in den Augen meiner Brüder lodert immer wieder ein kurzes Feuer aus Anerkennung und Stolz. Als sei ich jetzt in die Bundesliga aufgestiegen, als würden sie wissen, dass mein neuer Ruhm im Viertel auch auf sie strahlen wird. Und so wird es auch sein. Meine Mutter weint, wie meine Mutter immer weint. Sie streichelt mir über den Kopf, wie sie es schon getan hat, als ich damals mit meinem Kinderfahrrad gestürzt bin. Dann wird es Zeit zu gehen. Ich nicke in Richtung meines Vaters, um mich zu verabschieden, auf jene distanzierte und höfliche Art, die zwischen uns beiden schon immer Realität ist, als er mich plötzlich an sich zieht und mich fest an seinen dürren Körper drückt. Er packt mein Gesicht mit beiden Händen und sieht mir in die Augen.

„Wir warten auf dich, Junge“, sagt er. „Und wenn du rauskommst, wir machen ein großes Fest. Wir schaffen das.“

Blick zum Himmel

Dann sehe ich, wie das gefrorene Gesicht meines Vaters zu tauen beginnt, wie es weich wird an den Kanten und das Schmelzwasser den ewigen Schleier von seinen Augen schwemmt. Anscheinend hatte Gott ebenfalls seinen Plan. Und wahrscheinlich funktioniert sein Plan viel besser als der mit dem Porsche. Obwohl ich gerade dabei bin, ins Loch zu gehen, fühle ich mich so aufgeräumt wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Ich bin der Sohn, er ist der Vater, er ist jetzt der Mann im Haus. Und egal mit welchen Mitteln, er wird für seine Familie sorgen. Ich muss mich darauf verlassen, muss an ihn glauben, etwas anderes bleibt mir nicht übrig.

„Ja, das glaube ich auch“, sage ich.

PhantomZwei dicke Tränen kullern über seine Wangen, hinterlassen rosige, lebendige Spuren auf seiner grauen Haut, Zwei dicke, klare Tränen, die schöner glitzern als jeder Diamant. Mein Vater ist am Leben, ich hab es immer gewusst.

 

 

Autor: Jan Frederik Loh

Fotos: Sami Joost

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