Die Selbstschuld des Journalismus

Salafismus, HoGeSa & Co.

Die Selbstschuld des Journalismus – Ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit, Respekt und Einfühlungsvermögen

Ich verstehe Journalismus als Prozess. Mehr noch. Es ist für mich die Basis des Verstehens auf Grundlage der Recherche. Einer objektiven, mit Verlaub. Leider gibt es eine Tendenz, vor allem in der tagesaktuellen Presse und speziell im Hinblick auf die sogenannte Salafismus-Debatte, Inhalte in schwarz und weiß darzustellen. Und meistens eher schwarz. Bezogen auf die Recherche und Umsetzung bedeutet dies, dass sie nicht auf Basis der Objektivität betrieben wird. Vielmehr ist diese bestimmt, durch die klischeehafte Verwendung von Stereotypen. Es wird häufig nicht mehr versucht zu ergründen, sondern zu verurteilen, mit einer den Beruf nicht gerechten Ignoranz. Dies mag dem Nutzen einer Nachricht gerecht werden, schnell eine große Reichweite zu erzielen: Klicks. Klicks. Klicks. Aber führt uns ein „Haudrauf“-Schema wirklich weiter? Wenn Themen betroffen sind, die unsere pluralistische Gesellschaft abbilden, wirkt dies dann nicht kontraproduktiv? Mitunter gar destruktiv? Ja. Denn in der Folge sinkt die Dialogbereitschaft bei allen einbezogenen Parteien und es wird Platz gemacht für Intoleranz und Diskriminierung.

Beispiel Sharia-Polizei kontra Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa). Hätte man sich nicht so sehr an der Person des Sven Lau und seinen Moral-Trüppchen aufgehalten, hätten sie auch nicht eine solche Medienpräsenz bekommen. Getreu dem Duktus Sharia-Polizei in Wuppertal, Sharia-Polizei in Düsseldorf, Sharia-Polizei überall. Im Umkehrschluss hätten vermutlich auch HoGeSa niemals die Unterstützung bekommen, die letztendlich auch zu den rechten Parolen und Ausschreitungen während der Demonstrationen in Köln geführt haben.

Nur damit es keiner falsch versteht. Dies hier soll kein Plädoyer dafür sein, sogenannte Salafisten oder rechtsradikale Hooligans an einen Tisch zu bringen, geschweige denn ihnen Demut beizubringen. Für die allermeisten dieser Leute kommt ohnehin jede Hilfe zu spät. Vorsicht Vorurteil! Es ist Aufgabe des Rechtsstaats sich mit diesen Personen auseinanderzusetzen.

Vielmehr geht es mir um die Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund aus Solingen, Wuppertal, Chemnitz, Dessau und anderswo. Für diese Menschen müssen Perspektiven geschaffen werden. Reize gesetzt werden. Integration muss anders verstanden werden. Nicht mehr als gezwungene Anpassung, sondern als gegenseitige Angleichung. Gewalt bekämpft man nicht mit Vorurteilen. Wir lernen bereits in der Schule, dass ein Extrem neue Extreme schafft. Radikalere. Warum gelingt es uns also nicht dagegen zu wirken, obwohl wir wissen, dass man es besser machen kann?

Deshalb ist dies ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit in der Berichterstattung. Für mehr gegenseitigen Respekt. Für mehr Einfühlungsvermögen. Für mehr Verständnis, auch wenn das nicht immer leichtfällt. Getreu dem Pathos: Was du nicht an Leid spüren willst, das füge auch keinem anderem zu. Denn nur so können wir über Integration und die Zugehörigkeit in einer Gesellschaft sprechen. Unserer Gesellschaft. Gemeinsam. Im Dialog.

Also, was stört mich am deutschen Journalismus? Eigentlich gar nicht so viel. Immerhin verdiene ich mit ihm meine Brötchen. Und das mit einem guten Gewissen. Allerdings habe ich gleichzeitig ein gespanntes Verhältnis zu meinem Beruf. Eben aus diesen Gründen. Ich habe sozusagen gewisse Reibungspunkte. Ja, und manchmal auch Gewissensbisse. Warum mache ich es dann? Nun, weil ich denke, dass es auch anders geht. Vielleicht ist dieser Gedanke zu naiv. Gerade jetzt, am Anfang meiner beruflichen Laufbahn. Aber probieren muss man es.

Autor: Sami Joost

Ein Gedanke zu “Die Selbstschuld des Journalismus

  1. Vielen Dank!

    Im Beitrag werden gerade die problematischen Aspekte deutlich, die m.E. Journalisten und Politiker gemeinsam haben.
    Beide schieben die Frage der kulturellen und religiösen Vielfalt häufig an den äußersten Rand, an dem sich alles nur noch um Extreme dreht. Integriert gegen eigensinnig, Salafist gegen Hooligan, säkular gegen fundamentalistisch usw.
    Am Ende des Tages beschweren wir uns dann über Ausschreitungen, Radikalisierungen und „Daumenschrauben, die gerichtlich für Minderheiten enger gezogen werden“.
    Wie paradox diese Debatten sind bleibt im Übrigen auch außer Acht.

    Politik und Medien müssen weg vom veralteten Kampf um die Werte, um die Kultur und ganz besonders weit weg von der Angst vor Dynamik auf diesen Gebieten. Diesen Konflikt für Klicks und Wählerstimmen zu schüren lohnt sich nicht, weil er sich von den Rändern in die Mitte der Gesellschaft trägt und uns allen irgendwann unsere Toleranz und Dialogfähigkeit kostet.

    Ich hoffe, dass es wirklich anders geht und denke, es ist schließlich nicht der Beruf aus sich selbst heraus, sondern der Mensch, der den deutschen Journalismus prägt. Ein gesundes Maß an Selbstkritik, wie dieser Blog-Eintrag, ist bestimmt ein guter Ansatz.

    Viel Erfolg für die berufliche Laufbahn!

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