Stell dir vor, es wäre Krieg

Neue Kunstaktion sorgt für Aufruhr im Netz

Zwei kanadische Journalisten sorgen für Wirbel in den sozialen Netzwerken Twitter und Facebook. Mit einer Online-Kampagne stellen sie die Frage, wie es denn wäre, wenn wir den Krieg vor der Haustür hätten.

In Syrien kämpft jeder gegen jeden

Die Lage in Syrien ist gelinde gesagt unüberschaubar geworden. Die Zeit in der Sunniten, Shiiten, Christen mit Alawiten oder Drusen Tür an Tür in einem Stadtteil zusammengelebt haben gehört schon lange der Vergangenheit an. Seit Beginn des Bürgerkriegs vor drei Jahren haben sich allerlei Allianzen zusammengefunden. In unmittelbarer Umgebung des Landes sind es vor allem Staaten wie die Türkei, Saudi-Arabien, Katar, Jordanien, aber auch Israel, die die kämpfenden Oppositionsgruppen mit Geld und der entsprechenden Logistik versorgen. Ihr Ziel: Der Stürz des Asad-Regimes und seiner Baath-Partei um jeden Preis. Jeder dieser Staaten verfolgt dabei seine ganz eigenen geopolitischen und ideologischen Ziele. Bei diesem Vorhaben ist man nun allerdings an einer Bruchstelle angelangt. Denn jeder möchte, dass Asad geht, aber keiner hat eine wirkliche Alternative.

Statistik
Quelle: http://www.pewglobal.org/2014/06/16/syrias-neighbors-want-assad-to-step-down-but-no-appetite-for-aid-to-rebels/

Stark sind nur die Islamisten

Die einst hoch umjubelte Freie Syrische Armee (FSA) spielt im Konflikt quasi keine Rolle mehr. Es sind vor allem Al Quaida nahestehende Kräfte wie die der Nusra-Front und des Freien Islamischen Staat im Irak und der Levante (ISIS), die am effizientesten gegen Asads Truppen agieren. Oft durch Selbstmordattentate, aber vermehrt auch durch strategische Truppenbewegungen. Wie beispielsweise jüngst im Irak. Durch den Einmarsch in das Nachbarland konnte die ISIS ihre finanziellen Rücklagen sogar ausbauen. Durch die Eroberung der nordirakischen Stadt Mossul haben sie neben hochmodernen Waffensystemen der irakischen Armee auch viel Geld erbeuten können. So sollen die Islamisten bei der Einnahme der Zentralbank der Stadt umgerechnet fast 320 Millionen Euro gestohlen haben. Nun sagt man gar, die Terrorgruppe sei die reichste der Welt. An Brutalität ist die Gruppe rund um ihren Führer Abu Bakr Al-Baghdadi auch kaum zu übertreffen. Kreuzigung, Enthauptung, Massenerschießung – jedes Mittel ist den Fundamentalisten recht, um sich Respekt zu verschaffen. So haben sie es geschafft sich vor allem in den nördlich Provinzen um die Stadt Aleppo und Homs festzusetzen. Im Norden halten kurdische Milizen unter der Flagge der YPG die Stellung. Noch unterstützen sie die Truppen Asads, aber auch nur weil sie sich durch die Islamisten in ihrem Dasein zu Recht bedroht fühlen. Die Hauptstadt Damaskus ist zwar noch unter Kontrolle der syrischen Regierung, allerdings kam es bereits zu ersten Gefechten im Osten der Stadt.

Die Hälfte der Syrer ist auf der Flucht

Inmitten dieser Machtkämpfe ist fast die Hälfte der Bevölkerung auf der Flucht vor der Meuchelei. Die Flüchtlingshilfsorganisation UNHCR spricht von annähernd drei Millionen registrierten Vertriebenen. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher. Nicht nur das Leid, dass sie ihnen widerfährt, hat vielen Syrern die Hoffnung auf eine bessere Zukunft genommen – es sind vor allem die Kinder des Krieges, denen es an einer Perspektive fehlt. Der Bürgerkrieg hat bislang mindestens 160.00 Menschen das Leben gekostet. Die Lager in den Nachbarstaaten sind hoffnungslos überlaufen und es fehlt an allem.

Wenn in Deutschland Krieg wäre

Das sind apokalyptische Zahlen, die einem durch Mark und Bein gehen. Deshalb und um auf das Elend hinter diesen Zahlen hinzuweisen, haben sich verschiedene Kampagnen versucht für eine Verbesserung der Lage einzusetzen. Wir berichteten an anderer Stelle über eine Kunstaktion, die jüngst sogar Familienministerin Schwesig in Erklärungsnot brachte. Nun hat eine neu ins Netz gestellte Seite frische Aufmerksamkeit bekommen und einen Sturm in sozialen Netzwerken ausgelöst.

Quelle: Twitter
Quelle: Twitter

If we were syrian“ versucht nämlich eben diese Zahlen grafisch auf die G7-Länder zu übertragen. Wenn also der syrische Bürgerkrieg in Deutschland stattfinden würde, wären alle Einwohner der Stadt Leverkusen tot (160.000), heißt es auf der Seite. Außerdem wären die Städte Berlin, Frankfurt, München, Dortmund und Würzburg Geisterstädte. Denn ihre 8,6 Millionen Bewohner wären auf der Flucht. Davon seien gut die Hälfte Kinder unter sieben Jahren.

Quelle: http://ifweweresyrian.org/project/germany/
Quelle: http://www.ifweweresyrian.org

Hinter der Aktion stehen die Journalisten Shannon Gormley und Drew Gough. Warum aber gerade diese Länder?

Wir haben uns bei der Ausarbeitung der Seite entschieden diese Länder in den Fokus zu stellen. Gerade die G7-Staaten sollten mehr Unterstützung und Hilfsarbeit leisten.“, sagt Gormley im Gespräch mit Samoush und Handelsblatt Online. Gerade Länder wie Deutschland stünden in der Pflicht mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Unrecht hat Gormley nicht. Laut Aussagen der UNHCR steuert der Konflikt in Syrien auf eine der schlimmsten humanitäre Krisen unserer Zeit zu.

Unser Ziel ist sehr einfach: Wir wollen den Menschen das Ausmaß des Bürgerkriegs in Syrien verdeutlichen und sie dazu ermutigen sich für Hilfsmaßnahmen bei ihren Regierungen einzusetzen.“, erklärt die Journalistin. Beide Initiatoren zeigen sich selbst erstaunt über den Diskurs, den sie durch ihre Aktion weltweit angestoßen haben. Als sie die Seite vor einem Monat in ihrer Freizeit aufgestellt hätten sei die Erwartung niemals so hoch gewesen.

ifweweresyrian
Quelle: http://www.ifweweresyrian.org

 

Dieser Artikel erschien in editierter/redigierter Fassung auf Handelsblatt Online – Ressort Politik

 

 

 

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