Windy City

Eine Geschichte über eine windige Stadt am Meer, Hippies, Jimmy Chaplin & Mona

 

Der Weg nach Essaouira stellte sich etwas anstrengender dar als ich gedacht hatte.

Während ich am Busbahnhof in Marrakech auf einem Bordstein saß, betrachtete ich argwöhnisch die Leute, die mich auf meinem Ausflug begleiten würden. Die meisten von ihnen waren junge Europäer und trugen Sandalen, Bauchtaschen und Kameras um den Hals. Einen von ihnen schaute ich mir etwas länger an. Seinen Kopf säumten dicke filzige Dreadlocks und sein Gesicht schmückte ein zotteliger fast schon ellenlanger Bart. Sein ausgewaschenes T-Shirt war wohl einmal schwarz gewesen und wurde abwechselnd von hellen und dunklen Flecken verziert. Ich vermutete, dass die dunkleren Flecken von einem dieser Öle stammten, welches man sich in die Rastas schmiert, um einzelne Haare miteinander zu verkleben. Bewaffnet war er zudem mit einem dieser Survival-Rucksäcke, die zuweilen die Größe eines Schäferhundes annehmen können.
Ich habe im Allgemeinen nichts gegen Touristen, letztendlich bin ich selber einer. Allerdings versuche ich mich stets so gut es geht anzupassen. Ob mir das dann gelingt ist eine andere Frage, aber darum geht es auch nicht. Das mag sich vielleicht widersinnig anhören, aber mir persönlich hilft es unbefangener und ohne Distanz auf Menschen zu zugehen. Hippie-Touristen wie solche, die Kommissar Rex auf ihrem Rücken trugen, mochte ich nicht. Nicht aufgrund ihrer Erscheinung, sondern wegen ihrer Agenda. Marokko, Indien, Peru, meinetwegen auch in Vietnam. Man findet sie überall auf der Welt. Meist versuchen sie an allen Orten gleichzeitig zu sein und genau das ist ihr Problem. Politisch aufgeladene Orte, sind ihr Sahnehäubchen bei Erzählungen an wolligen Lagerfeuern. Oft brüsten sie sich damit mit allerlei Einheimischen und diversen Kulturen in Kontakt gekommen zu sein. Unerwähnt bleibt dann meist, dass es sich bei diesen Menschen häufig um solche handelt, die nicht oft einen Ausländer zu Gesicht bekommen. Am meisten stört mich jedoch dieser selbstsüchtige Egoismus, der eigenen Realität zu entfliehen und sich als Weltbürger auszugeben. Mit dreckigen Hosen und ungewaschenem Gesicht lernt man keine Kultur kennen und noch weniger die Menschen, die diese in sich tragen. Wenn man sich mit einer Gesellschaft wirklich auseinandersetzen würde und nicht damit beschäftigt wäre sich selbst zu finden, würde man dies auch erkennen.
Vor allem moderne arabische Gesellschaften, wie die marokkanische, sind mitunter durch konservative Bewusstseinswerte bestimmt. Das muss man nicht mögen, aber man sollte es respektieren.

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In diesem Moment ertappte ich mich dabei mir mit einer typisch deutschen Eigenschaft zu vorschnell ein Bild von jemanden zu machen. Vielleicht war er ja sogar ganz nett. Naja. Ich zog ein letztes Mal an meiner Zigarette und merkte dabei nicht, dass ich bereits am Filter angelangt war. Erst als sich in meinem Mund ein ekliger Film legte und der Rauch anfing bissig zu schmecken, fiel mir der verschmorte weiße Stummel zwischen meinen Fingern auf. Ich schnippte ihn vor mich in den Asphalt und beschloss nicht weiter über den Hippie nachzudenken und mir am Schalter ein Ticket zu kaufen. Der Bus war in der Zwischenzeit vorgefahren und sein Fahrer fing bereits an die erste Gepäckstücke zu verladen.

Ich wollte unbedingt diese Stadt sehen, von der ich so viel gehört habe. Windig sei es, hat man mir erzählt. Die Häuser sind weißgewaschen und es liegt immer eine Prise Salz in der Luft, versprach mir ein Freund aus Marrakech.

„Salamat“, begrüßte ich den jungen Mann hinterm Schalter und fragte ihn, ob ich ein Ticket von hier nach Essaouira und wieder zurück kaufen könne. Leider müsse ich das Ticket für den Rückweg dort kaufen, erwiderte er mir höflich. Ich könne es direkt vor Ort an der Haltestelle holen, versuchte er mir überdies ein wenig wacklig im syrischen Dialekt zu erklären. Man merkte, dass es ihn Mühe kostete nach dem richtigen Vokabular zu suchen. Der marokkanische und syrische Dialekt liegen nämlich sehr weit auseinander. Es ist in etwa so, als ob sich ein Schwabe mit einem Holländer unterhält. Das syrische Arabisch liegt jedoch durch Filme, Serien und Musiker jedem Araber mit einer Satellitenschüssel auf dem Dach im Ohr. Überhaupt genießen Syrer eine hohe Wertschätzung im arabischen Raum. Gerade jetzt. Zu Zeiten des Bürgerkriegs begegnet man vielen mitfühlenden Gesichtern, die sich nach dem Wohlergehen der Familie erkunden. Das Schicksal und Leid des syrischen Volkes ist im gesamten Kulturkreis allgegenwärtig. Aber der kulturelle Schatz des Landes ebenso. So ist etwa die Omayaden Moschee in Damaskus eines der fünf Heiligtümer des Islam. Aber auch ein Marokkaner muss sich nicht hinter seiner reichen Geschichte und Tradition verstecken. Und so begegnet man sich immer mit einem Lächeln, als auch einem hohen Maß an gegenseitigem Respekt.
„Du musst dich beeilen. Er fährt gleich los“, sagte der Mann und zeigte auf den Fahrplan. Ich bedankte mich, kaufte das Ticket und ging zum Bus.

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Auf meinem Ticket war Sitznummer 26 vermerkt. Bevor ich einstieg nahm es der Fahrer und riss es an der oberen Kante ein. Er hatte schwere Hände mit kurzen dicken Fingern. Sie wirkten so als ob er mit Daumen und Zeigefinger eine Walnuss knacken könnte. Er gab es mir zurück und wies mich in Richtung Aufgang. Der Bus war schon fast voll, aber vielen standen noch, um ihre Schäferhunde zu verstauen. Ich angelte mich an den Platzschildern über den Sitzen entlang. 18, 20, 22. Mist. Der Hippie saß auf 24 und damit einen Platz vor mir. Mein Platz und der daneben waren noch frei. Ich setzte mich ans Fenster und sah eine kleine Frau am Ticketschalter wild gestikulieren. Sie trug eine Ray Ban Aviator. Ich mochte diese Brille normalerweise nicht an Frauen. Aber ihr stand sie. Unterdessen kam der Fahrer rein und machte verständlich, dass er jetzt gerne losfahren würde. Die meisten schienen ihn verstanden zu haben und setzten sich. Dann schloßen sich die Türen und der bullige Fahrer startete den Motor. Jetzt fing die kleine Frau noch wilder an zu zappeln und deutete abwechselnd auf Bus und sich selbst. Dann schien sie der junge Mann hinterm Schalter verstanden zu haben und schob ihr einen weißen Schnipsel über den Tresen. Sie grub etwas aus ihrer Handtasche, zahlte und stürzte aus der Tür. In diesem Moment setzte der Fahrer zum Losfahren an. Nun fing die kleine an irgendetwas Unverständliches zu rufen und rannte noch schneller. Ich hatte Angst, dass sie stürzen könnte und rief dem Fahrer zu, dass er noch warten solle. Dann sah er sie aus dem rechten Rückspiegel hinterherlaufen und öffnete die vordere Tür. Als sie den Bus endlich erreichte warf sie sich in die Tür und bedankte sich mehrfach in Englisch bei unserem Fahrer. Dieser nickte ihr ebenso oft freundlich zu und bat sie herein. Man sah ihm an, dass er von ihr ein kleines bisschen angetan zu sein schien. Sie war zweifellos eine schöne Frau. Sie war nicht sehr groß, aber das passte zu ihr. Das dunkle Haar trug sie in einem Dutt nach hinten. Ihre Gesichtszüge waren fein, aber auch weich. Ihre Augen gütig, aber auch achtsam. Und ein bisschen knuffig war sie. Sie erinnerte mich irgendwie an eine Libanesin. Oder doch Iran? In jedem Fall, hatte sie ein angenehm weibliches Auftreten. Es lag nicht der Geruch von kaltem Schweiß am Morgen danach in der Luft, sondern der von frischen Brötchen.
„Sorry! Pardon Silteple! Huch..Sorry“, warf sie den Leuten zu, während sie sich durch den Gang zwängte.
Im Bus waren noch einige Plätze frei. Zwei vorne beim Fahrer. Zwei andere weiter hinten. Und jeweils einer neben dem Hippie und mir. Sie hatte sich relativ schnell entschieden und lief auf mich zu. Zumindest hoffte ich das, da ihr Blick in meine Richtung fixiert war. Theoretisch hätte es auch den Hippie treffen können, aber das glaubte ich nicht.

„Hui, äh, Hi!“, sagte sie und ließ sich auf den Stuhl neben mir fallen.
„Hi!“, sagte ich und schaute in ihre starken grün-gelben Augen.
„My Name is Mona“, stellte sie sich vor und streckte mir eine kleine Hand entgegen.

Die Fahrt nach Essouira dauerte etwa zweieinhalb Stunden. Ich war mit der kleinen Mona schnell ins Gespräch gekommen. Sie hatte ein Buch mit deutschem Klappentext herausgeholt. ‚Jorge Bucay – Komm, ich erzähl dir eine Geschichte.‘

 

„Dank mir

hast du gelernt, dich mit dem zufriedenzugeben,

was das das Leben dir gibt,

denn was dir auch widerfährt,

Wird immer mehr sein

als das, was du glaubst, verdient zu haben.“

Nachdem ich ein paar Zeilen mitgelesen habe, fragte ich sie, ob ich ihr das Ende verraten solle. Überrascht jemanden in ihrer Muttersprache sprechen zu hören schreckte sie hoch. Ich zwinkerte und gab zu, dass ich etwas mitgelesen habe.
„Ein schönes Buch. Du solltest es auf jeden Fall auslesen“, und so sprachen wir über das Buch und über allerlei, während wir aus dem Fenster schauten und an Arganbäumen vorbei fuhren.

Fast den gesamten Weg säumten diese Bäume den Straßenrand. In ihrem Aussehen glichen sie etwas Olivenbäumen, denn sie waren nicht sehr hoch, hatten dafür aber eine umso ausladendere Krone. Mit ihren Wurzeln holen sie das Wasser aus bis zu 40 Metern Tiefe. Zwischen ihren Blättern und Dornen tragen sie Nüsse, die in ihrem Erscheinungsbild wiederum Mandeln ähneln. Die Ziegen der Bauern lieben diese Nüsse und steigen auf ihren Highheels teilweise bis in den höchsten Ast, um sich an ihnen satt zu essen. Die Nuss selbst ist vor der Verarbeitung für den Menschen ungenießbar, denn sie schmeckt bitterer als eine Kaffeebohne. Das Öl aber, das man aus ihr gewinnt, hat der Region zu einer neuen Blüte verholfen. Gerade in den letzten Jahren sind im Zuge von Beschäftigungsmaßnahmen der Regierung zahlreiche Kooperativen entstanden. Diese werden meist von verwitweten oder geschiedenen Frauen in sogenannten UCFA (Union des Coopératives des femmes de l’Arganeraie) verwaltet. Der marokkanische Staat selbst unterstützt die Frauen bei der Gründung dieser Kooperativen. Die Ernte und Verarbeitung ist äußerst müßig, denn anders als beim Olivenöl wird das Öl der Nüsse nicht unmittelbar nach der Ernte gepresst, sondern immer frisch nach Bedarf. Das Fruchtfleisch der Nuss wird dabei von den Frauen in mühevoller Handarbeit zunächst gelöst. Im Anschluss knacken die Frauen die Schale mit einem Stein und holen die kleinen Kerne heraus. Diese werden dann schonend geröstet, um dann in traditionellen Mühlen zu einem groben Muß gemahlen zu werden. Unter Zugabe von abgekochten Wasser wird dieses Muß dann so lange geknetet, bis sich das Öl davon trennt. Der übrig bleibende Kuchen wird zur Viehfütterung verwendet. Das Öl wird dann gleichermaßen zu Pflegeprodukten verarbeitet, als auch für bestimmte Gerichte verwendet. Dabei gibt es dem Essen eine ganz eigene kernige Note, denn durch die Handpressung bleiben die wertvollen Inhaltsstoffe erhalten. Um einen Liter zu gewinnen zu können, müssen die Frauen 30 Kilo der Nüsse verarbeiten. Das ist in etwa die Ernte von vier bis fünf Bäumen. Das erklärt aber auch den hohen Preis des Öls.

Obwohl die Arganbäume nur in der Gegend um Essaouira und Agadir wuchsen, kannte ich diese Kooperativen bereits aus dem Atlasgebirge. Dort werden die Nüsse den berbischen Frauen geliefert, um ihnen die Möglichkeit zu geben etwas dazu zu verdienen. Mona hörte gespannt zu als ich ihr von diesen Bäume erzählte und wie sie halfen die lokale Infrastruktur zu stärken.

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Dann erzählte sie ihre Geschichte und warum sie ganz alleine unterwegs
war. Sie verriet mir, dass sie sich vor einigen Wochen aus einer langjährigen Beziehung gelöst hatte und jetzt versuche die Zeit nachzuholen, die ihr genommen worden war. Ich musste unwillkürlich an den Hippie denken und stellte fest, dass wir ihm vielleicht gar nicht so unähnlich waren. Auch ich hatte meine Gründe gerade in dieses Land zu reisen. Es erinnerte mich an das Syrien, das ich aus meinen Erinnerungen kannte. Wenn auch die Gesellschaft eine ganz andere war. Vor allem in den alten Riadhs, den traditionellen Häusern ehemals reicher Familien und Händlern, lebte diese Erinnerung, die ich in mir trug. Das bunte Gezwitscher der Finken in den Innenhöfen, die an den Wasserbecken ihren Durst stillten. Geschnitzte Zedernverkleidungen an den Decken, handgefertigte Kacheln auf den Böden und Wänden. Kraftvolle Marmorsäulen, die einen ganzen Raum nur mit ihrem Dasein füllen konnten, ließen mich in meinen Gedanken durch die Gassen von Damaskus tänzeln.
Überall begleiteten mich solche Erinnerungen. Ich roch kein Chlorgas und hörte auch nicht das markerschütternde Geräusch herabfallender Fassbomben.
In Marrokko würde ich oft an das Syrien erinnert, das ich kannte.

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Ich schaute aus dem Fenster und sah die erste Möwen über uns kreisen. Jetzt wusste ich, dass es nicht mehr weit war.

Windy City, Mogador, Essaouira. Die Stadt hatte schon viele Namen und mindestens ebenso viele Gesichter. Phönizier, Umayyaaden, Almoroviden. Im 16. Jahrhundert begannen die Portugiesen an der Küste der Stadt eine Festung zu errichten, die in folgenden Jahrhunderten von den Dynastien der Saadier und Alawiden weiter ausgebaut wurde. Seit ihrer Entstehung war die Stadt immer Knotenpunkt für Karawanen, Handel und kulturellen Austausch.
Heute ist Essaouira aber vor allem bekannt für sein flockiges und unangestrengtem Lebensgefühl.
Théodore Cornut – Der französische Architekt und Gefangener des alawitischen Sultans Sidi Mohamed Ben Abdallah hatte die Stadt einst zur Antithese Marrakechs gemacht. Anders als in der roten Stadt waren die Gassen der Medina klar strukturiert und in einer symmetrischen, fast schon perfiden, Anordnung geplant worden.

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Der Busfahrer hielt mitten auf einem großen Parkplatz vor den Stadttoren der Altstadt. Er nuschelte noch kurz etwas in sein Mikrofon und öffnete dann die Türen. Wir ließen den Hippie seinen Schäferhund aus der Ablage über uns nehmen und stiegen dann aus, nicht ohne uns bei dem bulligen Fahrer zu verabschieden. In Marrakech hatte mir ein Freund erzählt, dass ich unbedingt den Fischmarkt sehe müsse. Auf gar keinen Fall solle ich auf den Place Moulay Hassan gehen. Dort sei das Essen nur teuer und nicht sehr frisch. Am Markt könne ich mir den Fisch für ein paar Dirham direkt zubereiten lassen. Wir gingen also durch das alte Hafentor in die Medina. Die Gassen waren voll und es wehte ein angenehmer Wind. Wie in einem Korridor trugen ihn die kleinen Straßen direkt vom Meer zu uns, sodass sich Monas Kleid um ihre Beine schlang. Sie hatte feste Schenkel.

Ich blieb stehen und schaute mich um. Frauen mit Kindern an denn Händen standen vor kleinen Standwagen und kauften Brot oder drückten ihre Nasen an bunt geschmückte Schaufenster. Vor manchen Türen hing die grüne Flagge der Hamas. Ja, es war etwas konservativer in Essaouira. Ich schaute Mona an und bekam ein schlechtes Gewissen.

Sie legte ihren Kopf schief und fragte:
„Was hast du? Warum bleiben wir stehen?“
„Falls uns jemand fragt, ob wir zusammen sind, sagst du ihm, das wir uns kürzlich verlobt hätten und nun zusammen auf Reise gehen bevor wir heiraten. Den Rest überlässt du dann mir, ok?
„Ok“, sagte Mona und hakte sich bei mir ein.

Ich schaute wieder in die enge Gasse vor uns und sah einen kleinen Mann auf uns zulaufen. Er hatte einen gemütlichen Gang und schlürfte beim Gehen immer etwas mit der Sohle auf den Boden. Als er näher kam konnte ich seine etwas glasigen, aber freundlichen, Augen sehen. Ein breites Lächeln und strahlend gelbe Zähne blitzen mir entgegen als er vor uns stehenblieb. Er war ein recht kleiner schlaksiger Mann mit dichten dunklen Locken und von der Sonne braun gegerbter Haut. An einigen Stellen satnden weiße Haare wie Bleistifte in die Luft. So, als ob sie sich nicht mit den anderen vertragen würden.

„Wie kann ich euch helfen?“, fragte er im perfekten Englisch und ich erkannte in seinen freundlichen Augen, dass er dabei keinerlei Hintergedanken hatte. Die Augen eines Menschen sind nicht umsonst der Spiegel zur Seele. Das hatte ich schon früh in meinem Leben gelernt. Deshalb versuche ich immer einen Fremden anhand seines Ausdrucks einzuschätzen. Jimi’s Augen waren ehrlich. Mehr noch, sie ließen mich tief in seine Seele schauen und etwas Trauriges sehen.

„Gamal“, sagte er als ich ihn nach seinem Namen fragte.
„Aber du kannst mich ‚Jimmy Chaplin‘ nennen“, fuhr er fort.
Ich musste unwillkürlich lachen, denn er hatte tatsächlich etwas von diesem Künstler alter Tage. Wie er denn zu diesem Spitznamen gekommen sei, fragte ich ihn prompt.
„Nun, weil ich gehe wie Charlie Chaplin und früher mit Jimi Hendrix Musik gemacht habe.“
Er erkannte sofort den Unglauben an meinen hochgezogenen Augenbrauen und versprach mir, dass man ihn sogar auf Youtube finden könne.
„Du musst nur nach ’sublime frequencies‘ oder ‚Jimmy Chaplin‘ suchen!“, beteuerte er uns. Wir sprachen abwechselnd arabisch und englisch miteinander, je nachdem an wen sich Jimmy gerade richtete.
„Und was werde ich dort finden?“, wollte ich wissen.
„Musik“, sprach er fröhlich.

Er führte uns durch ein paar Seitenstrassen zum Fischmatrkt und erzählte uns von sich. Jimmy war Gnaoua. Seine Vorfahren waren einst als malische Sklaven nach Marokko gekommen und hatten ihre Bräuche und Traditionen mitgenommen. Ihr mystischer Glauben beruht auf der Annahme, dass böse ‚Dschins‘, also Geister, unter uns leben. Mit Musik versuchen die Gnaoua diese zu bändigen. Sie singen und spielen sich ihren auf Instrumenten fast in Trance, während sie versuchen die Geister zu vertreiben. 22 Lieder in ganzen 800 Strophen. Gerade in den ’70er Jahren hat dieser unverwechselbaren Klang Künstler aus aller Welt angelockt. Jim Morrison, Joe Cocker, Bob Marley und eben auch Jimi Hendrix haben sich von dieser windigen Stadt inspirieren lassen. Vielleicht war der Gedanke an diese Zeit die wehmütige Traurigkeit in Jimmys Augen – und nun wusste ich woher sie rührte.

Nachdem wir uns ein paar kleine Doraden besorgt hatten gingen wir ein paar Ecken weiter zu den Grillständen. Aber nicht ohne einen Blick auf die Auslagen der Fischer geworfen zu haben. Moränen, Schwertfische, gelb-schwarz getigerte Aale und allerlei anderes Ungetüm lag auf den Tischen. Hinter dem Grill nahm uns ein älterer Mann mit vollem Bart die Tüte mit den Doraden aus der Hand. Er schnitt sie bäuchlings auf und füllte sie mit einer vorbereiteten öligen Kräutermischung. Danach warf er sie aufs Feuer und legte noch eine geschnittene Zitrtonenscheibe auf jeden Fisch.

„Lasst uns doch den Fisch mit in mein Haus nehmen und uns dort weiter unterhalten. Ich würde euch gerne zu einer Kanne Tee einladen und könnte euch ein bisschen was vorspielen!“, bot Jimmy uns großzügig an. Mona schaute mich unmerklich zögernd an, aber ich gab ihr zu verstehen, dass alles in Ordnung sei. Ich vertraute ihm.

Er ließ die Doraden in Papier einpacken und bezahlte den Mann. Ich bestand zwar darauf zu zahlen, aber musste ihm dann nachgeben. Ich glaube, Jimmy war sehr glücklich uns getroffen zu haben, damit er jemanden von seinen Geschichten erzählen kann und um an seine Jugend erinnert zu werden.

„Müssen wir Jimmy auch erzählen, dass wir verlobt sind?“, flüsterte Mona mir auf dem Weg ins Ohr.
„Wenn du möchtest. Aber ich glaube, Jimmi hier ist nicht der Typ, der danach fragen würde“, sagte ich.

Jimmy hatte ein kleines Haus auf zwei Etagen, indem er alleine wohnte. Vielleicht war er mal verheiratet, aber ich wollte ihn nicht danach fragen. Die durchs offene Dach fallende untergehende Sonne teilte den Hof in zwei Hälften und es roch nach Meer und Jasminblüten. Im vorderen dunklen Teil war es schattig, wo an den in maritimen Blau gestrichen Wänden einige Topfpflanzen standen. Wir setzten uns in den durch das Sonnenlicht gefluteten Teil auf ein gemütliche Bank. Jimmy zog einen Tisch ran uns setzte sich zu uns. Nachdem wir zusammen unseren Fisch verspeist hatten ging er in die Küche, um Tee aufzusetzen. Ich beobachte ihn, während er an seinem Gasherd stand. Den Tee machte er in einer Kanne aus Messing, die er abwechselnd von der Flamme nahm und wieder aufkochen ließ. Irgendwann entschied er, dass er fertig sei und servierte ihn uns auf einem silbernen Tablett, dass an den Rändern mit geschwungenen Ornamenten verziert war. Nachdem er es abgestellt hatte ging er zurück in die Küche und kam mit einem Musikinstrument zurück, das ich vorher noch nie gesehen hatte. Es ähnelte auf den ersten Blick einer Gitarre, war allerdings wesentlich kleiner und hatte nur drei Saiten. Auch der Resonanzkörper war nicht geschwungen wie bei einer Gitarre, sondern rechteckig und mit einer Tierhaut bespannt.

„Was ist das Jimmy?“, fragte ich ihn.
„Das ist eine Gimbri“; antwortete er. „Eines von vier traditionellen Instrumenten der Gnaoua.“, und dann erzählte er uns weiter von der Musik, dem alljährlichen Festival in Essaouira und gutem Fisch. Während er sprach schaute ich beiläufig auf meine Uhr. 18.23 Uhr.
„Mist“, erschrak ich. „Wir haben den letzten Bus zurück verpasst!“
„Macht euch keine Sorgen. Ihr könnt heute abend hier bleiben. Ich habe ohnehin mehr Zimmer als ich brauche. Morgen nehmt ihr dann gleich den ersten Bus zurück“, schlug er vor.
Ich schaute kurz zu Mona rüber, aber sie schien damit kein Problem zu haben. Ich nickte zögernd und fragte ihn, ob das denn wirklich in Ordnung sei. Ich wollte seine Gastfreundschaft nicht ausreizen.
„Auf gar keinen Fall – ihr seid in meinem Haus tausendfach willkommen!“, versicherte er und legte sich seine Gimbri auf den Schoß.
„Möchtet ihr etwas hören?“, fragte er.
„Na klar! Ich bin die ganze Zeit schon gespannt darauf!“, schoss es Mona heraus.

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Gerade als er zu spielen ansetzen wollte hämmerte es plötzlich an der Tür. Missmutig zog Jimmy seine Augenbrauen hoch und machte sich daran aufzustehen als es erneut drei Mal klopfte.
„Ist doch gut, ich komme ja!“, schimpfte er in seinem marokkanischen Dialekt. Als er öffnete waren Jimmy und wir gleichermaßen verdutzt. In der Tür stand der Hippie. Jimmy musterte ihn einen kurzen Augenblick bevor er ihn in seinem perfekten englisch fragte, was er für ihn tun könne. Er hätte versucht ein Ticket für die Fahrt nach Marrakech zu kaufen, aber offenbar sei der Bus schon ausgebucht gewesen. Ich musste unwillkürlich schmunzeln. Er sei in zwei Hotels gewesen, aber auch die waren wohl schon voll.
„Dann hat mich der Rezeptionist zu dir geschickt. Er sagte, du könntest mir eventuell helfen. Ich zahle auch!“, sagte er hastig.
„Du musst und sollst mir gar nichts zahlen. Komm erstmal rein, leg deine Sachen ab und trink mit uns einen Tee“, beruhigte Jimmy den aufgelösten Weltenbummler. Er trat ein und stellte sich uns höflich vor. Vielleicht war er ja sogar ganz nett, dachte ich mir wieder und reichte ihm meine Hand. Und so verbrachten wir den Abend zusammen. Mona erzählte von der verlorenen Liebe. Ich von dem Syrien, das es nicht mehr gab. Der Hippie erzählte von sich. Und Jimmy? Jimmy spielte auf seiner Gimbri und erzählte uns von der Musik, den Gnaoua und der windigen Stadt.

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